Immer wieder Fliegen. Staunen und tiefe Bewunderung. Meist weite Wege, entfernte
Ziele, fremde Räume, ein Schwebezustand in einem Zwischenland. Gedehnte Zeit und Langeweile und eine erhöhte Wachsamkeit. Es ist das Aneinanderreihen von Augen-Blicken in diesem scheinbar unendlichen Raum und immer wieder ein sich
selbst Verlieren in diesen verschiedenen Raumhallen – zwischen Erde und Himmel. Gleichzeitigkeit von Melancholie und Visionen, von ungebremst-schöpferischen Vorstellungen. Vielleicht Klee’sche Zwischenreiche.
Beim Fliegen bin ich einem dauernden Zwiespalt unterworfen: einesteils die ungestillte, unstillbare Sehnsucht immer wieder zwischen den Wolken zu schweben, andernteils die ungeduldige Sehnsucht
nach festem Erdboden.
Der Blick am Tage - endlos scheinende Ebenen und Landschaften, Fleckerlteppiche von Wiesen und Äckern. Langgezogene Bergketten, gefaltete Erde, satt und dunkel,
dramatisch und schön mit ihren Schattentälern. Spiegelnde Seenplatten und glitzernde Flussläufe senden ihre Reflektionen an die fliegenden Menschen dort droben. Langsam gleiten Küsten und Meere vorbei. Zwischen unendlichen
Wolkenebenen, scheinbar greifbaren Wolkenbergen bewegen wir uns mit unspürbarer Geschwindigkeit durch den näheren Luftsaum unserer Erde. Verkürzte, wunderbare Sonnenauf- und -untergänge, weiche Farblichtüberläufe der
lebenspendenden Wärme. Unschuldiges Bestaunen schöpferischer Schönheiten. Doch sieht die Erde nicht nach oben mit ihren für uns unsichtbaren Augen, erinnert uns da oben Schwebende, in welch
fragilem Balanceraum wir uns bewegen?
Über den Steinebenen der grossen Städte vergrauen Dunstplanen den Blick und verhüllen nicht einmal mehr die Zerstörung.
Bei Nacht, oben der dunkle Schirm der Unendlichkeit und der Sternenraum.
Unten, die geahnte Erde – Untiefen – nicht fassbare Ab-gründe und doch verstreute Lichtnester von Städten und Dörfern, Lichtketten von großen und kleinen Straßenzügen voll pulsierenden Lebens.
Wieviele flüchtige Gedankensamen werden in den Flugraum gestreut, blühen auf oder verlieren sich wieder. Manch kleiner Funke kommt immer wieder zurück und glüht weiter. Hier, zwischen Sehnsucht
und Langeweile, Wachsamkeit und schöpferischer Lust, entstand die Idee eines Erdzeichens, das über die von der Natur geschaffenen Zeichen auf der Erde hinausgeht. Eine astronomische Spur hinterlegen für fliegende Menschen. Eine
Anmaßung? Ganz sicher. Bedarf es doch übermenschlicher Eigenschaften, diese Idee zu verwirklichen.
1986, auf dem Flug von Mexico City nach Oaxaca, der erste Keimling, ein flüchtiger Gedanke:
Warum nicht schieben, verschieben dieses seit Urzeiten gefaltete Hochland, formen zu einem Zeichen, geprägten Linien aus Licht und Schatten? Gerade aus dieser Maßlosigkeit entsprang der schöpferische Bogen, für den im Bau
befindlichen Münchner Flughafen ein Zeichen der Kunst zu hinterlegen.
Ein mahnendes Symbol an die Fliegenden.
Seit meinen ersten Malversuchen verwende ich Zeichen und Kürzel. Die
Orientierungspunkte waren Kopfzeichen, Schattenzeichen, Kreuzzeichen. Über viele Jahre verarbeitete ich diese Themen in Bildkästen. Das Material war Sand und Erde, Zivilisationmüll, verfremdet mit fröhlicher Farbigkeit.
Meine erste gestalterische Idee für das Erdinger Moos war eine Form mit mystischer Ausstrahlung, denn die Richtung der Suche war geprägt nach einem Zeichen für das noch immer so geheimnisvolle
Moorgebiet.
Kopfsymbole traten bei der Formensuche aus den frühen Bild-kästen heraus, sprangen über und so formte ich mit den Händen ein Sandzeichen aus Furchen in den Strand des Pazifiks.
Über viele Wochen dieses Spiel, mit Wellen aus Licht und Schatten. Heraus schälte sich immer mehr ein mystisches Maskenwesen. Die täglich untergehende Sonne legte ihren Schatten darauf. In der Nacht spülte das Meer mit seinem
rhythmischen Atem die Versuche wieder hinweg. Jeder Tag mit neuem Beginnen. An den letzten Tagen ein paar Fotos von dieser Vorstellung eines Erdzeichens aus Furchen und Wällen.
“Was halten sie von der Idee, ein Erdzeichen für den im Bau befindlichen Münchner Flughafen im Erdinger Moos vorzuschlagen?”.
Unsicher befragte ich mit meinen Sandfotos den Architekten Heinz Nonnenbroich. “Bleiben sie dabei”, so die richtungsweisende Antwort.
Schnell erkannte ich, dass es nicht möglich ist, eine
flüchtige Idee am Pazifik einfach zu versetzen in den Raum des vormaligen Erdinger Mooses: Die Furchen wären fast zwanzig Meter hoch geworden, die Länge des Zeichens fast zwei Kilometer.
Zögernd veränderte ich zusehends das Sandzeichen vom Pazifik und legte diese Figur schließlich flach in den Raum des Flugkorridors am neuen Münchner Flughafen. Gebaut werden sollte das Zeichen aus Steinen der nahegelegenen Isar.
Ein magisch-mythisches Symbol für das Erdinger Moos.
Das Erdzeichen, von Wolfgang Längsfeld als ERDINGER MOOSGEIST bezeichnet, hat eine lachende und eine traurige Seite. Ein von zwei Seiten
erkennbarer, maskenhaft chiffrierter Kopf an einem Stab, der von aussen in den Flughafen deutet. Ein Apotropäon, ein Unheil-abwender.